Auftakt einer Reihe über Artefakte aus meiner Masterarbeit, die ich nie abgeschlossen habe. Als eine Form der Einleitung kann der Beitrag zu epistemischer Gerechtigkeit verstanden werden; die vorläufige Kriterien-Matrix findet sich hier als durchsuchbare Tabelle. Ich würde mich freuen, an dem Thema gemeinsam zu arbeiten. Achtung: Die hier dargestellte Arbeit ist nicht begutachtet und hat an vielen Stellen Überarbeitungspotential; mir geht es um die grundsätzliche Richtung, autistische Perspektiven zu verstehen und an Lösungsansätzen zu arbeiten.
„I feel so overwhelmed from the process of visiting the doctor (being around people/sensory overstimulation in the waiting room [and] anxiety/communication difficulties) that I just have to flee outside and can’t face spending any more time in the doctors or talking to the receptionist.” (Ich fühle mich vom Arztbesuch so überwältigt – von den Menschen, der sensorischen Überstimulation im Wartezimmer, der Angst, den Schwierigkeiten mit Kommunikation –, dass ich einfach nach draußen fliehen muss und mir weder ein längerer Aufenthalt in der Praxis noch ein Gespräch mit der Empfangsdame zumutbar ist.)
Dieses Zitat einer autistischen Person stammt aus einer Befragung von Shaw et al. (2024). Es steht exemplarisch für häufige Situationen in der Versorgung: Unvorhersehbarkeit, wechselnde Ansprechpartner:innen, viele Menschen, grelles Licht, Unübersichtlichkeit, Zeitdruck, Ungeduld, Stigma, Vorbelastungen, und die Herausforderung, dabei die zahlreichen Ebenen der Kommunikation zu erfassen, einzuordnen, dabei häufig nicht die passenden mentalen Modelle zur Verfügung zu haben, mit einem Gehirn was für tiefe Aufmerksamkeit auf wenige Bereiche gebaut ist. Für alle Seiten birgt das besondere Herausforderungen, aber auch Chancen – an dem Ort, an dem autistische Patient:innen niedrigschwellig begleitet und beraten werden können: in der Apotheke und passenden digitalen Strukturen.
Wie groß ist das Thema?
Gesichert ist eine hohe Dunkelziffer: Viele Erwachsene sind spät oder nie diagnostiziert. In Risikopopulationen ist die Gruppe groß: In einer schwedischen psychiatrischen Ambulanz erfüllten mindestens 18,9 % der Patient:innen die Diagnosekriterien, unter bestimmten Annahmen bis zu 35 % (Nyrenius et al., 2022). Eine schwedische Geburtskohortenstudie mit 2,7 Millionen Kindern fand bis 2022 bei 2,8 % eine Autismus-Diagnose; bei den Zwanzigjährigen lag das Geschlechterverhältnis bei 1,2 : 1 und damit nahe der Parität (Fyfe et al., 2026). In der Fachwelt ist die steigende Diagnoserate nicht unumstritten, wobei von angesehenen autistischen Forschenden die Diagnoseraten wohl eher verteidigt werden.
Welche Rolle hat die Apotheke?
Sie ist ein Versorgungsort, an dem sich Sensorik, Kommunikation, und Fachliches verdichten. Und sie ist der Ort, an dem autistische Patient:innen gegebenenfalls psychiatrische und andere Komorbiditäten medikamentös begleitet werden, oft mit einer Symptomatik, die von typischen Erwartungsmustern abweicht (atypische Schmerzpräsentation, Interozeptions-Unterschiede, Masking usw.), Präventionsangebote zunehmen, und auch eine Abgrenzung von Selbstmedikationsfällen stattfindet. Die zur Zeit einzige Praxisleitlinie für Pharmazeut:innen Kadi et al., 2024 fordert deshalb kommunikative Werkzeuge für die Beratung und umgebungsgestalterische Maßnahmen in der Offizin.
Von der Compliance zur Patientenzentrierung
Die Basis dieses Beitrags ist eine Kriterien-Matrix aus meiner Masterarbeit zur pharmazeutischen Versorgung autistischer Patient:innen. Sie hat einen argumentativen Ausgangspunkt, der weit vor dem Thema Autismus liegt: beim Qualitätsverständnis der Apotheke selbst.
Klassische Qualitätsmanagementsysteme (QMS), wie sie in deutschen Apotheken verbreitet sind, sind eher (nicht nur!) complianceorientiert: Sie zielen auf die Erfüllung regulatorischer Anforderungen, dokumentieren Prozesse formal und sichern Nachweispflichten ab (Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände [ABDA], 2015; Neidel, 2021). Andere Qualitätsrahmen – von der Good Pharmacy Practice (GPP) von World Health Organization & Fédération Internationale Pharmaceutique [WHO & FIP] (2011) über die DIN EN 15224 (Deutsches Institut für Normung, 2017) bis zur ISO 7101 (International Organization for Standardization, 2023) und den empirisch validierten Qualitätsdimensionen von Hindi et al. (2024) – definieren Qualität eher (nicht nur!) über klinische Outcomes und Patientenzentrierung. Das bedeutet nicht, dass regulatorische Compliance weniger wichtig ist, sondern dass sich das Qualitätsverständnis erweitert. Meine Arbeit hat diese Rahmenwerke zunächst verglichen und ihre Unterschiede als Spannungs- bzw. Entwicklungsachsen beschrieben, etwa Compliance zu Excellence, Produktzentrierung zu Patientenzentrierung, die Frequenz von Lernzyklen, das Vorhandensein von Rückkopplungsschleifen und kulturelle Faktoren.
Der Schritt zur Autismus-Matrix ist folgender: Wenn Qualität über Patient:innen-Outcomes definiert wird, stellt sich die Frage, für wen diese Outcomes gelten und welche Anforderungen diese Menschen haben. Menschen, die auf spezifische Anpassungen angewiesen sind – autistische Menschen und viele andere –, finden in bisherigen QMS keine explizite systematische Berücksichtigung. QMS, das Prozesskonformität als Stellvertreter für Versorgungsqualität nimmt und sich daran misst, ist nicht modern; und unsere Anreizstrukturen sind aktuell eher nicht klug designed. Equity ist dabei keine Randnotiz, sondern eine anerkannte Qualitätsdimension – vom Institute of Medicine (2001) benannt und als Ziel 10 der FIP Development Goals für die internationale Apothekerschaft verankert (International Pharmaceutical Federation, 2020).
Zurück zum eigentlichen Thema: Gesucht war also: Was bedeutet moderne, patientenzentrierte Apothekenqualität, theoretisch, wenn man sie von autistischen Patient:innen her denkt?
Das klingt sehr selbstzentriert, aber: Vieles, was autistischen Menschen hilft, hilft vielen (der Curb-Cut-Effekt). Und wie dringend es ist, zeigt eine deutsche Studie: Für autistische Erwachsene ohne geistige Behinderung lag der Gruppenmittelwert der psychischen gesundheitsbezogenen Lebensqualität 1,72 Standardabweichungen unter dem Mittelwert der Normalbevölkerung, also etwa beim 4,3-%-Perzentil (eigene Berechnung aus M = 32,8 gegenüber dem Normwert T = 50; David et al., 2025). Der stärkste Prädiktor für diese psychische Lebensqualität waren wahrgenommene Barrieren in der Gesundheitsversorgung; als einzige Variable erklärten sie Variationen in beiden Domänen, psychisch wie körperlich (weitere signifikante Prädiktoren in der psychischen Domäne waren Komorbiditäten und das Diagnosealter). Das Design der Studie ist querschnittlich – ob Abbau von Barrieren die Lebensqualität verschiebt, ist damit als Hypothese zu lesen, nicht als nachgewiesene Wirkung. Aber genau diese Hypothese ist die Handlungsgrundlage der Matrix: Barrieren sind der veränderbare Teil der Gleichung.
Methodik und Grenzen
Wie ist die Matrix entstanden? Ich habe die Literatur zu autistischen Bedürfnissen in der Gesundheitsversorgung strukturiert ausgewertet – und dabei gezielt Literatur von autistischen Forschenden einbezogen. Im Rahmen des epistemischen Gerechtigkeitsbegriffs war das für mich die ausgleichende Komponente; für den Apothekenkontext existiert so etwas bisher nicht. Parallel habe ich weitere Aspekte des Themas exploriert, etwa Personas und Use-Case-Modellierung nach SEIPS 2.0 (einem Modell zur Analyse von Arbeitssystemen in der Patientenversorgung).
Im Folgenden führe ich die vier übergeordneten Kategorien mit einer Auswahl der Zitate auf – die Details stehen in der Tabelle.
K-1: Die Umgebung
Die sensorische und räumliche Umgebung, Termine und Wartezeiten, und was passiert, wenn es zu viel wird.
„I’m really sensitive to bright lights and smells – in particular, those two things” (McLean et al., 2024) – Ich bin wirklich empfindlich gegenüber grellem Licht und Gerüchen, besonders diese beiden.
„Also, certain noises or pitches and all of those are difficult in pretty much every healthcare setting” (McLean et al., 2024) – Bestimmte Geräusche oder Tonhöhen sind in praktisch jedem Versorgungssetting schwierig.
„I just could not get there…but getting there was one of the hardest things once you get there it’s very, oh my gosh, is it challenging to navigate you have to go to this desk these receptionists and you don’t know they’re not very…” (McLean et al., 2024) – Schon hinzukommen war schwer; und dann die Navigation: dieser Schalter, diese Empfangspersonen, man weiß nicht…
„And so, you try to put me in a big open waiting room and I have to make decisions like where to sit down, how to, how to navigate it” (McLean et al., 2024) – Ein großer offener Wartebereich zwingt mich zu Entscheidungen: wo setze ich mich, wie bewege ich mich darin.
„Sometimes I feel like if I don’t get out I will just burst into tears in the reception area” (Shaw et al., 2024) – Manchmal habe ich das Gefühl: Wenn ich nicht rauskomme, breche ich einfach im Empfangsbereich in Tränen aus.
Die Apotheke bietet zunehmend Dienstleistungen mit Terminvergabe an – die Parallele zur Terminlogik anderer Versorgungsorte hinkt also nicht. Und sie hat eine hohe sensorische Dichte. Die Literatur ist hier unmissverständlich: Hintergrundgeräusche, Hall, flackerndes oder grelles Licht, starke Muster und Duftstoffe können Stress erzeugen und das Zuhören und die Selbstwahrnehmung massiv erschweren (Doherty et al., 2023; Kadi et al., 2024). Das SPACE-Framework von Doherty et al. fasst die Kernbedürfnisse unter fünf Buchstaben: Sensory needs, Predictability, Acceptance, Communication, Empathy.
Die zugehörigen Design-Prinzipien in Kurzform: aktive Reizabschirmung, räumliche Separation und Regulation, vorhersagbare und reizarme Terminierung, Deeskalations-Sicherheit.
K-2: Kommunikation
„I always keep notes on somewhere that I can jot down questions that I might have, and I go in with notes because I find that otherwise I leave feeling like I’ve been through a whirlwind, and I haven’t gotten any answers because I think a lot of providers just go so fast” (McLean et al., 2024) – Ich führe immer Notizen mit meinen Fragen mit; ohne sie verlasse ich den Termin wie nach einem Wirbelsturm, ohne Antworten, weil viele so schnell reden.
„I think the hardest thing going into healthcare provider you know, medical, mental health or physical appointments is um making sure that I write down all of the, the possible, so ahead of any kind of appointment for weeks ahead, or months, or whatever it is you know” (McLean et al., 2024) – Das Schwierigste vor Terminen ist, über Wochen und Monate vorher alles aufzuschreiben, was möglicherweise relevant wird.
„It’s, it’s not great though, because I also have an auditory processing diagnosis so it’s hard for me to, when they’re speaking super-fast and going through everything and they’re constantly interrupting um, so I feel like I need to have that physical list in front of me to be able to make sure that I’m going through everything and that they don’t always let me get through the list and that’s really frustrating also, because if I took the time to really think about it and write it down” (McLean et al., 2024) – Mit meiner auditiven Verarbeitungsdiagnose ist schnelles, unterbrochenes Reden schwer; die Liste vor mir hält mich auf Kurs, aber ich werde oft nicht durchgelassen.
Die Apotheke ist ein Kommunikationsraum mit hohem Zeittakt: kurze Beratungen, dichte Inhalte, hohe Relevanz. Die Empfehlungen der Leitlinie (Kadi et al., 2024) zu visuellen Hilfsmitteln, Schriftlichem als Backup und verlängerten Entscheidungs- und Antwortzeiten sind hier direkt anschlussfähig. Das zugehörige Design-Prinzip (multimodale Kommunikation) verlangt, Information persistent und angepasst bereitzustellen: nicht nur einmal und mündlich, sondern vorab schriftlich, während des Gesprächs visuell unterstützt und nachvollziehbar dokumentiert.
An dieser Stelle sind auch KI-Anwendungen denkbar – etwa ein Tool, das aus der Beratungsanfrage vorab eine schriftliche Zusammenfassung erzeugt. Vor einem Einsatz in der Apotheke wären dann dieselben Fragen zu klären wie bei jedem anderen Hilfsmittel: für welche Patient:innen es passt, was es bei Fehlern anrichtet und wer die Verantwortung trägt. Nach dem Muster von Obermeyer gilt: Ein Tool, das die Anpassung nur für den Durchschnitt optimiert, wiederholt den Proxy-Fehler.
K-3: Haltung, Wissen und Deutungshoheit
„Rude receptionists that don’t understand neurodiversity and treat me like garbage” (Shaw et al., 2024) – Empfangspersonal, das Neurodiversität nicht versteht und mich wie Dreck behandelt.
„GPs treat me like a stupid child & assume I don’t understand what is being said to me because they know I have autism” (Shaw et al., 2024) – Ärzte behandeln mich wie ein dummes Kind und nehmen an, ich verstehe nichts, weil sie wissen, dass ich autistisch bin.
„A sympathetic and understanding GP means I feel less anxiety at appointments means I will be willing to go to the doctors when needed” (Shaw et al., 2024) – Ein verständnisvoller Arzt nimmt mir die Angst vor Terminen; dann gehe ich auch hin, wenn nötig.
„I mean healthcare is like another job interview, it’s another social environment in which if you don’t play by the right rules, you’re not going to get what you need” (McLean et al., 2024) – Gesundheitsversorgung ist wie ein Vorstellungsgespräch: Wer die ungeschriebenen Regeln nicht einhält, bekommt nicht, was er braucht.
Die Job-Interview-Metapher beschreibt präzise, was Masking in der Gesundheitsversorgung bedeutet: eine soziale Leistung, die Kraft kostet, und deren Misslingen den Zugang zur Versorgung selbst kostet. Das Gegenstück in der Literatur: neurodiversitäts-affirmative Ansätze, die Autismus nicht als Defizit, sondern als Variante menschlicher Neurologie verstehen – „Autism is not a mental illness”, wie es in Shaw et al. (2022) heißt.
K-4: Spezialisierte pharmazeutische Beratung und Betreuung
Die vierte Kategorie sammelt besondere und atypische Anforderungen an die pharmazeutische Betreuung. Vier Beispiele:
„I ended up with peritonitis from a ruptured appendix because I did not recognise appendicitis symptoms as serious enough to justify making an appointment” (Shaw et al., 2024) – Eine Blinddarmruptur endete in Bauchfellentzündung, weil ich die Symptome nicht als ernst genug für einen Termin einordnete.
„There was a loose splinter of a bone and it was painful but I could not express my pain in a ‘normal’ way so nobody took it seriously” (Shaw et al., 2024) – Ein Knochensplitter schmerzte, aber meine Schmerzdarstellung war nicht ‘normal’, also nahm mich niemand ernst.
„Eye contact with the doctor stresses me out a lot, but I fear they won’t believe me if I’m not making eye contact” (Shaw et al., 2024) – Blickkontakt strengt mich sehr an; aber ohne ihn fürchte ich, dass man mir nicht glaubt.
„I don’t have a resilient network of support” (McLean et al., 2024) – Ich habe kein belastbares Unterstützungsnetz.
Diese Zitate zeigen das Risiko, das entsteht, wenn eine atypische Symptompräsentation auf Erwartungshaltungen trifft, die aus neurotypischen Mustern abgeleitet sind. Die Apotheke ist hier wichtig: Sie ist der Ort, an dem Schmerzmittel-Rückfragen, Beratungen zu rezeptfreien Arzneimitteln (OTC) und Medikationsmanagement autistische Patient:innen ohne Diagnose erreichen. Gefragt ist eine Erkennungskompetenz für atypische Präsentationen (Interozeptions-Unterschiede, atypische Schmerzdarstellung, häufig Selbstmedikationsversuche).
Was jetzt zu tun wäre
Der Befund ist ambivalent. Auf der einen Seite ist die Apotheke im Vergleich zu anderen Versorgungsorten gut positioniert: häufig überschaubar, ohne Termin zugänglich, personell stabil. Auf der anderen Seite dokumentiert die Kriterien-Matrix, wo die Versorgung für autistische Patient:innen heute bricht: sensorisch, kommunikativ, strukturell, in der Haltung. Diese beiden Seiten stehen zueinander in Spannung – gerade die Offenheit und Terminfreiheit, die die Apotheke zugänglich macht, erzeugen die Unvorhersehbarkeit, die K-1 als Hauptbelastung ausweist. Den Widerspruch aufzulösen (zum Beispiel durch optionale Terminfenster für sensitive Beratung) ist Teil der Aufgabe.
Die 17 Design-Prinzipien sind der Versuch, aus diesem Befund handhabbare Gestaltungsaufträge zu formulieren. Sie folgen alle demselben Format nach Gregor et al. (2020): für wen (Umsetzende), mit welchem Ziel, für wen (Nutzende), in welchem Kontext, durch welchen Mechanismus, mit welcher Begründung. Ein Beispiel:
DP-1 (K-1.1): Für Apothekenbetreiber:innen und Raumplaner:innen, um sensorische Überstimulation für hypersensible autistische Patient:innen in Warte- und Beratungsbereichen zu reduzieren, nutze bauliche und gestalterische Maßnahmen zur Minimierung von Hintergrundreizen. Weil autistische Menschen sensorische Inputs oft ungefiltert und kumulativ wahrnehmen, was ohne Abschirmung zu Distress und Meltdowns führt (Doherty et al., 2023; Kadi et al., 2024).
Die vollständige Matrix mit allen Kriterien, Zitaten und Design-Prinzipien steht als durchsuchbare Tabelle bereit.
Der Vergleich mit der Leitlinie
Wie viel Eigenes steckt in der Matrix? Dafür habe ich sie gegen die einzige mir bekannte Praxisleitlinie für Pharmazeut:innen zu Autismus gestellt: Kadi et al. (2024), ein Drei-Schritte-Modell (Patient:in einschätzen und einbinden, Kommunikationsstrategien, Infrastruktur auf Sensorik prüfen). Der Abgleich – Suchbegriffe beider Sprachen, geprüft gegen den Volltext – zeigt zwei Dinge. Wichtig ist dabei: Nicht der Begriff muss fehlen, damit das Konzept fehlt; die Frage ist, ob die Leitlinie das Anliegen adressiert. Bei den folgenden Feldern tut sie das nicht, auch nicht unter anderen Namen:
| Konzept (explizit adressiert? nein) | In der Matrix |
|---|---|
| Double Empathy Problem | Verständigungsprobleme, bi-direktionale Empathie-Brücke |
| Monotropismus | Aufmerksamkeitsfokus als Gestaltungsprinzip für Umgebung, Termine, Kommunikation (Lawson, 2024) |
| Autistic Burnout | Stimming, Challenging Behaviour und Masking (K-3.2.2.4) |
| Masking / Camouflaging | Haltungs- und Schulungsthema |
| Stimming | Verständnis und Affirmation: Stimming wird gebraucht, nicht unterdrückt |
| Meltdown- / Shutdown-Krisenmanagement | Eigenes Kriterium: Krisenintervention bei sensorischem Overload |
| Interozeption | Individuelle Bedürfnisse, atypische Präsentationen |
| Ko-Design / Partizipation | Partizipative Service-Entwicklung |
| Wartezeit-Management | Termingestaltung und Warteoptionen |
| Neurodiversitäts-affirmierende Haltung | Leitbild und respektvolle Sprache |
| Präferenzerhebung als Prozess | Systematisch dokumentierte individuelle Bedürfnisse |
Der Kernunterschied: Kadi bleibt innerhalb einer klassischen Rollenlogik. Die Apotheke passt ihre Kommunikation und ihre Räume an, aber die Expertise bleibt auf der Apothekenseite. Die Matrix dreht die Richtung um: Verständigungs- und Haltungsdimension (Double Empathy, Neuro-Affirmation, Ko-Design) sowie die Operationalisierung von Monotropismus und Meltdown-Kompetenz zu konkreten Umgebungskriterien kommen erst auf, wenn autistische Menschen als Expert:innen der eigenen Versorgung ernst genommen werden. Gutes Design für autistische Menschen ist gut; gutes Design mit autistischen Menschen ist besser – genau das ist die epistemische Gerechtigkeit aus dem Grundlagenbeitrag.
Was Kadi hat, was die Matrix bewusst weniger stark ausführt: Diagnosekriterien (DSM-5) als Überblick, konkrete Substanzlisten zur Pharmakologie der Komorbiditäten, Nebenwirkungs-Monitoring und ein deutlicher Fokus auf Kinder und Jugendliche. Beide Dokumente ergänzen einander.
Quellen
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Die Formulierung der Design-Prinzipien folgt Gregor et al. (2020).