Ludmila Praslova beschreibt in ihrem Artikel „Fair foundations: ensuring epistemic justice in neurodiversity research and practice“, wie Ausbildung, Wissenschaft und gelebte Praxis neurodivergentes Wissen berücksichtigen können. Epistemische Gerechtigkeit bedeutet hierbei, neurodivergente Menschen als Wissende anzuerkennen. Für ihre Beteiligung formuliert Praslova konkrete Kriterien. Welche Literatur bildet die Grundlage? Welche Forschenden werden als Lehrende eingeladen? Wer entwickelt und prüft die Inhalte? Und wie werden die Beiträge der Beteiligten anerkannt? Die Übertragung auf pharmazeutische Bildung ist die Perspektive dieses Beitrags.
Was epistemische Gerechtigkeit bedeutet
Epistemische Ungerechtigkeit beschrieb Miranda Fricker 2007 als ein Unrecht, das Menschen in ihrer Eigenschaft als Wissende herabsetzt. Entscheidend ist der Einfluss von Vorurteilen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen auf diesen Vorgang. Fricker unterscheidet zwei Formen:
Testimoniale Ungerechtigkeit entsteht, wenn Aussagen durch Vorurteile gegenüber der sozialen Identität einer Person abgewertet werden. Das betrifft fachliche Aussagen ebenso wie Berichte über eigene Erfahrungen.
Hermeneutische Ungerechtigkeit entsteht, wenn Menschen an der Entwicklung gesellschaftlich geteilter Deutungsmittel ungleich beteiligt sind. Dadurch können Begriffe und Verständigungsmöglichkeiten fehlen, um wichtige eigene Erfahrungen zu verstehen und anderen verständlich zu machen.
Praslova überträgt diese Überlegungen auf Neurodiversitätsforschung und -praxis und schlägt mit der appropriativen Ungerechtigkeit eine weitere Form vor.
Appropriative Ungerechtigkeit liegt nach Praslova vor, wenn Wissen aus einer Community übernommen wird, ohne dass Urheberschaft, geleistete Arbeit und Nutzen angemessen berücksichtigt werden. Begriffe und Konzepte fließen in Publikationen oder Beratungsangebote ein, während die Menschen, die sie entwickelt haben, kaum Anerkennung erhalten.
Für die pharmazeutische Bildung betrifft das die Auswahl und Einordnung von Wissen ebenso wie die Zusammenarbeit mit Forschenden. Ihre Beiträge müssen fachlich berücksichtigt und nachvollziehbar zugeschrieben werden.
Pharmazeutische Evidenz und Interessenkonflikte
Praslova spricht auch die pharmazeutische Wissensproduktion an. Sie verweist auf Snellman et al. (2023), die nicht vollständig offengelegte finanzielle Interessenkonflikte in systematischen Reviews zu Methylphenidat bei ADHS beschreiben, und auf Sismondos Analyse epistemischer Korruption (2021) in der pharmazeutischen Forschung. Für die pharmazeutische Bildung betrifft das auch die kritische Bewertung der verwendeten Evidenz: Wie entstehen Erkenntnisse, welche Interessen wirken mit und welche Perspektiven werden berücksichtigt?
Interessenkonflikte und methodische Qualität müssen dabei getrennt geprüft werden. Snellmans Untersuchung zeigt keinen einfachen Zusammenhang, nach dem Reviews mit finanziellen Interessenkonflikten grundsätzlich methodisch schlechter wären.
Welche Veränderungen Praslova vorschlägt
Praslova ordnet ihre Empfehlungen entlang des Weges von der Ausbildung über Forschung und Publikation bis zur praktischen Anwendung. Für die pharmazeutische Bildung lassen sich daraus konkrete Leitlinien zusammenstellen, die Inhalte, Zusammenarbeit und Vermittlung beschreiben.
Inhalte und Literatur auswählen
Praslova empfiehlt, wissenschaftliche Arbeiten neurodivergenter Forschender in die verpflichtende Lektüre aufzunehmen. Ihre Fragestellungen, Methoden und Ergebnisse würden in die fachliche Darstellung eingehen.
Forschende und Lehrende beteiligen
Praslova regt an, neurodivergente Wissenschaftler:innen, Praktiker:innen und Advocates als Gastvortragende sowie in Prüfungs- und Abschlussarbeitskommissionen einzubeziehen. Entscheidend ist ihre jeweilige Expertise. Sie sollen nicht stellvertretend für eine gesamte Community auftreten müssen.
Auf pharmazeutische Aus-, Fort- und Weiterbildung übertragen bedeutet das, bei der Auswahl von Lehrenden ihre Forschungs- und Arbeitsgebiete zu berücksichtigen. Beiträge können sich etwa mit Versorgungsforschung oder der Gestaltung von Organisationen beschäftigen. Eine neurodivergente Person muss dabei weder ausschließlich über ihre eigene Lebensgeschichte sprechen noch die Erfahrungen aller neurodivergenten Menschen abdecken. Für Hochschulen betrifft die Empfehlung auch die fachliche Mitwirkung an Betreuung und Prüfung; für Fortbildungsanbieter beispielsweise die Zusammenstellung eines Programms oder die gemeinsame Entwicklung einer Veranstaltung.
Konzepte und Materialien entwickeln und prüfen
Ebenso sollen partizipative Forschungsmethoden gelehrt werden. Nach Praslova fallen wichtige Entscheidungen bereits vor der Datenerhebung: bei der Wahl einer Forschungsfrage, ihrer theoretischen Rahmung und der Festlegung, wem die Ergebnisse dienen sollen. Sie empfiehlt eine frühe Beteiligung als Mitforschende oder in angemessen ausgestatteten Beiräten. Außerdem sollen Unterschiede zwischen wissenschaftlicher Interpretation und dem Selbstverständnis der Community ausdrücklich untersucht werden.
Für die Entwicklung von Lehrmaterialien lässt sich daraus ableiten, die fachliche Zusammenarbeit vor der Fertigstellung von Lernzielen und Folien zu beginnen. Dann können Beteiligte noch beeinflussen, welche Probleme behandelt und welche Erklärungen vermittelt werden. Eine abschließende Bitte um Durchsicht eröffnet diesen Spielraum nur dann, wenn grundlegende Änderungen tatsächlich noch möglich sind.
Praslova richtet ihre Empfehlungen auch an wissenschaftliche Redaktionen: Begutachtungsleitlinien sollten verlangen, dass Begutachtende prüfen, ob Community-Arbeiten berücksichtigt, Begriffe angemessen verwendet und Beiträge korrekt zugeschrieben werden. Neurodivergente Forschende sollen in Herausgebergremien genügend Einfluss haben, um die Begutachtungskultur mitzugestalten. Methodische Strenge und die Berücksichtigung von Community-Wissen sind für sie miteinander vereinbar.
Entsprechende Prüffragen könnten auch bei der fachlichen Durchsicht von Weiterbildungsunterlagen helfen: Welche Quellen tragen eine Aussage? Werden unterschiedliche Sichtweisen nachvollziehbar dargestellt? Bleiben Einschränkungen und Unsicherheiten der Forschung bei der Vereinfachung für die Lehre erhalten? Dabei geht es um zusätzliche Sorgfalt, nicht darum, wissenschaftliche Aussagen aufgrund der Identität ihrer Autor:innen ungeprüft zu übernehmen.
Beiträge anerkennen und Arbeit vergüten
Praslova beschreibt eine zusätzliche Belastung neurodivergenter Forschender: Neben ihrer eigenen wissenschaftlichen Arbeit sollen sie anderen Grundlagen erklären und problematische Darstellungen korrigieren. Besonders kritisch sieht sie diese Arbeit, wenn sie unvergütet bleibt und ihre Ergebnisse anschließend allein anderen zugeschrieben werden. Ihre Empfehlungen betreffen deshalb auch die Verteilung von Anerkennung, Einfluss und Ressourcen.
Bei Bildungsangeboten wäre frühzeitig zu klären, welche Leistung erbeten wird: ein Vortrag, die gemeinsame Konzeption, eine fachliche Begutachtung oder eine umfangreiche Überarbeitung. Dazu gehören Vereinbarungen über Honorierung, Nennung und gegebenenfalls Mitautorschaft entsprechend dem geleisteten Beitrag. Wird vorhandenes Wissen verwendet, muss dessen Herkunft auch in Folien, Handouts und anderen Begleitmaterialien nachvollziehbar sein.
Wissen zugänglich weitergeben
Praslova fordert, Ergebnisse in Formaten bereitzustellen, die auch für die beteiligten Communitys zugänglich und nutzbar sind. Sie nennt Zusammenfassungen in einfacher Sprache, Veranstaltungen und Praxisleitfäden. Der Nutzen für die Community soll bereits bei der Planung berücksichtigt werden.
Pharmazeutische Bildungsangebote können dazu beitragen, indem sie Forschung nachvollziehbar vermitteln und geeignete Materialien zugänglich machen. Dabei sollte die verständliche Aufbereitung die Herkunft und Aussagegrenzen der Erkenntnisse erhalten. Ob die Materialien für die adressierten Menschen tatsächlich nützlich sind, lässt sich wiederum mit ihnen prüfen. Diese Rückmeldung kann in die Überarbeitung des Angebots eingehen.
Maßnahmen auf einen Blick
Die folgende Checkliste bündelt Praslovas Empfehlungen und ihre Übertragung auf pharmazeutische Bildungsangebote:
- Arbeiten neurodivergenter Forschender als Grundlagenliteratur einbeziehen.
- Neurodivergente Forschende und Praktiker:innen entsprechend ihrer fachlichen Expertise in Lehre und Gremien beteiligen.
- Partizipative Forschungsmethoden vermitteln.
- Community-Prioritäten bereits bei der Festlegung von Themen und Lernzielen berücksichtigen.
- Beteiligte frühzeitig in Konzeption, Prüfung und Überarbeitung einbeziehen und tatsächlichen Einfluss ermöglichen.
- Unterschiede zwischen wissenschaftlicher Interpretation und Community-Selbstverständnis untersuchen.
- Materialien auf Quellen, Sprache, Interessenkonflikte und Aussagegrenzen prüfen.
- Aufgaben, Anerkennung, Honorierung und gegebenenfalls Mitautorschaft früh vereinbaren.
- Die Herkunft von Begriffen und Konzepten auch in Folien und Handouts kenntlich machen.
- Ergebnisse zugänglich weitergeben, ihren Nutzen gemeinsam prüfen und Rückmeldungen in die Überarbeitung aufnehmen.
Der Artikel ist ein Perspektivbeitrag. Praslova stützt ihre Vorschläge auf Forschung und ethische Prinzipien; nicht jede einzelne Maßnahme ist empirisch auf ihre Wirksamkeit geprüft. Sie versteht die Empfehlungen als Ergänzung bestehender wissenschaftlicher Qualitätsverfahren. Für die hier vorgeschlagene Übertragung auf pharmazeutische Bildung gilt entsprechend: Sie ist ein Ausgangspunkt für die Gestaltung und Überprüfung von Angeboten.
Mitarbeit und Zusammenarbeit
Dieser Beitrag ist ein Ausgangspunkt, kein Abschluss. Anmerkungen, Ergänzungen und Korrekturen sind ausdrücklich erwünscht — ebenso die Zusammenarbeit an der Übertragung auf die pharmazeutische Bildung, etwa mit eigenen Beiträgen aus Versorgung, Forschung oder Weiterbildungspraxis. Ein öffentliches Repository auf Codeberg zur gemeinsamen Weiterarbeit ist in Vorbereitung; bis dahin (und darüber hinaus) erreicht ihr mich unter sina@sinarampe.de.
Original und deutsche Arbeitsübersetzung
Das englische Original von Ludmila Praslova ist frei zugänglich. Die vollständige deutsche Arbeitsübersetzung als PDF ergänzt diesen Beitrag. Sie enthält auch das Literaturverzeichnis des Originals und ein Glossar. Die Übersetzung ist eine nicht autorisierte Arbeitsfassung; maßgeblich bleibt das englische Original.
Begriffliche Grundlage: Miranda Fricker (2007), Epistemic Injustice: Power and the Ethics of Knowing. Oxford University Press, insbesondere Einleitung, S. 1 und 4–7.
Praslovas Originalartikel erschien 2026 in Frontiers in Psychology, Band 17, Artikel 1826790, und steht unter CC BY. Dieser Beitrag paraphrasiert ihre Inhalte und ergänzt eine Einordnung für die pharmazeutische Bildung.